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-- Aesthetik
--- CARMINA BURANA als Opernfilm

ArnoAbendschoen - 14.12.2020 um 12:23 Uhr

1975 – Carl Orff wird achtzig und das ZDF bestellt bei Jean Pierre Ponnelle eine Verfilmung von „Carmina burana“. Ponnelle (1932 – 1988) war als Opernregisseur einer der ganz Großen seiner Zeit. Anfangs war er Bühnen- und Kostümbildner für das Musiktheater gewesen und dieser Ursprung kam der Verfilmung jetzt zugute: Ohrenschmaus und Augenweide sind einander wert. Orff hatte seinem Werk einen lateinischen Untertitel gegeben, der übersetzt lautet: „Weltliche Gesänge für Sänger und Chöre, begleitet von Instrumenten und magischen Bildern“.

Die magischen Bilder hier zeugen, trotz der Aufbauten des Bühnenbilds im romantisierenden Mittelalterstil, primär vom Zeitgeist der 1970er Jahre. Ausgesprochene Modernismen sind nur selten eingestreut, das Treiben ist vor allem wie quicklebendiges Kostümfest einer Hippie-Kultur. Zu den unverwüstlichen Ohrwürmern von 1935 feiert sich ein Mittelalter-Woodstock vierzig Jahre später. Es ist der Geist eines ironischen Optimismus, dessen unernste Züge nicht vollkommen den schicksalsschweren unter den Gesängen zu entsprechen scheinen. Das atmet die Luft der sexuellen Befreiung und einige Bilder könnten heißen: „Make love, not war“. Vieles kommt uns verspielt bis neckisch: Menschenkinder wie Maikäfer im frühlingsgrünen Baum, viele niedliche Tiere im sprießenden Gras (worunter sogar rammelnde Häschen), ein erzenes Doppelgrabmal mit sich reckenden, sich berührenden Armen … Und da ist auch Lust auf Revolution. Während die Gesänge auf Küchenlatein fordern, „dass das Schicksal auch den Starken hinstreckt: das beklagt mit mir“, plündert das sich tummelnde Schauspielervolk den Prunk des gestürzten Herrschers und treibt Schabernack mit seinem Skelett. Erotische Unterwasserszenen fehlen auch nicht.

Das Verwunderliche: All das schadet dem Werk nicht, es verstärkt seine Wirkung noch, irgendwie amalgamierend. Die genial erfundene Musik ist nicht nur nicht totzukriegen, es singen hier auch allererste Stimmen: Hermann Prey, Lucia Popp, John van Kesteren. Ach, und die Schauspieler, die Chöre … Die Choreographie und diese Kostüme, Perücken …! Man kann sich das heute, fast ein halbes Jahrhundert später, auf DVD oder gleich im Internet ansehen und anhören und sei gewarnt: hohes Suchtpotential. Und dann erwacht man mitten in der Nacht und es summt unaufhörlich in einem: O Fortuna oder Swaz hie gat umbe …

Ponnelle hat aufgegriffen und sich zunutze gemacht, was Orffs Werk charakterisiert: seine universelle Aussage. Die Texte der originalen Lieder verbinden bereits Mittelalter und Spätantike. Orffs Komposition selbst ist eine Brücke vom Archaischen zu früher Minimal Music. Der Dualismus Seele versus Leib oder Heil versus Wollust oder, wie es im Text heißt, das Alternieren von Aufbäumen und Erschlaffen, das alles, Vergänglichkeit mit Diesseitsfreude vermengt, ist auch europäisch-barock und zugleich fernöstlich-ewig. Wir alle waren, sind und werden immer sein: aufs Rad geflochten. Schmerz und Ekstase in einem, das ist der Zauber dabei, auch der Musik wie des Films.




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