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--- Im Frühlicht

ArnoAbendschoen - 24.04.2018 um 22:22 Uhr

Die frühe Kindheit erscheint uns später als seltsame Schattenwelt. Undurchdringliches Dunkel liegt über dem größten Teil der Landschaft jener scheinbar endlosen Jahre. Wie langsam die Zeit damals verfloss ... An einigen Stellen weicht die Finsternis der tiefbraunen Tönung alter Landschaftsbilder, die im Lauf von Jahrhunderten stark nachgedunkelt sind. Die Grundstimmung ist noch wahrzunehmen, aber die Einzelheiten sind kaum zu unterscheiden. Die Erinnerung bleibt unscharf. Dann jedoch stoßen wir auf seltene Momente großer Klarheit. Ein starkes Licht, dessen Herkunft unbekannt bleibt wie auf barocken Gemälden, erhellt die Situation von damals und zeigt Personen und Konturen in voller Schärfe. Zu diesen Plätzen kehrt die Erinnerung immer wieder zurück, ohne zu wissen warum. So bleibt das Erinnerte unverstandene Episode, mag es sich auch um den Schlüssel zu allem Verständnis handeln.

Wie alt bin ich an jenem entferntesten Punkt, zu dem die Erinnerung noch gelangen kann? Ich sehe mich als Dreijährigen auf einem kurzen Spaziergang. Mutter und Großmutter haben mich bei der Hand genommen und führen mich in ihrer Mitte. Neben uns geht mein Großvater und raucht Pfeife. Mein Vater scheint zu fehlen. Wahrscheinlich hat er gearbeitet. Wir gehen sehr langsam vom Haus meiner Großmutter zum Bahnhof unseres Vorortes, dafür braucht man fünf Minuten. Eine schon heiße Frühlingssonne scheint von einem heiteren Himmel. Straßenstaub tanzt im Sonnenlicht. Die kleinen Häuser an der Straße sind schmutzig grau. In der Nähe ist die Einfahrt zu einem Eisenbahntunnel. Wenn die Dampflokomotiven die Wagen bei der Ausfahrt mit Volldampf wieder anziehen, stoßen sie große Rauchwolken aus. Die Züge verschwinden schon hundert Meter nach dem Bahnhof in einem Tunnel. Vor der Einfahrt gibt die Lokomotive ein kurzes gellendes Signal und stößt dabei eine kleinere Rauchwolke aus. Daher sind alle Fassaden in der Umgebung rußgeschwärzt.

Genau neben der Tunneleinfahrt steht das Haus eines Bekannten meiner Großeltern. Der Mann arbeitet im kleinen Vorgarten. Er harkt die Erde um die wenigen Tulpen, sie blühen rot oder gelb. Während die Erwachsenen mit dem Nachbarn plaudern, kann ich mich von den Händen losmachen. Ich trete dicht an das Gärtchen heran, betrachte die Blumen aus der Nähe und klatsche vor Vergnügen in die Hände. Die Großen werden aufmerksam. Der Nachbar greift zu einer Schere und schneidet eine rote Tulpe für mich ab. Die Großen bedanken sich für mich. Ich darf die Blume tragen, während wir weitergehen, und empfinde große Freude. Wir gehen noch bis zum Bahnhof und kehren dort um. Die Szene verschwindet in völligem Dunkel.

Warum gerade diese Erinnerung? Ja, ich liebe Blumen und arbeite gern im Garten, ich fahre auch gern Eisenbahn ... Aber es gelingt mir nicht wirklich, hinter das Geheimnis des Erinnerungsbildes zu kommen. Vielleicht bedeutet es die Neigung zum ästhetischen Lebensvollzug, wie sie mir später mal einer vorgeworfen hat. Mir scheint, viele Deutungen sind möglich, auch solche, die mich unangenehm berühren könnten. Mir bleibt nur die Vermutung, dass unsere früheste Erinnerung nicht zufällig ist. Vielleicht enthält sie im Kern schon unser Wesen und seine Entwicklung in der Zeit.

Und wie ist es bei Ihnen? Wann ist Ihr Gedächtnis zum ersten Mal belichtet worden? Sehen Sie dafür eine Notwendigkeit, eine Beziehung zu sich selbst und Ihrem späteren Leben?




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