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-- Prosa
--- F wie Freitod

ArnoAbendschoen - 10.03.2012 um 17:22 Uhr

Heute habe ich wieder an F. gedacht, F wie Freitod. Ich muss noch oft an ihn denken, dabei ist er schon über dreißig Jahre tot.

Er war einer der bestaussehenden Männer, an die ich mich erinnere. Groß, kräftig, breitschultrig und hübsch. Von leichter Melancholie umflort. Ich sah ihn jahrelang in den Straßen, in den Bars von West-Berlin, ohne mit ihm in Berührung zu kommen.

Dann begegneten wir uns zufällig an einem Sommersonntagnachmittag im Grunewald. Es war auf einem breiten Waldweg, nicht weit vom Stadtrand. Wir blieben beide stehen und sahen uns an. Er stellte eine Frage, ich nenne sie mal die F-Frage. Ich sagte nein. Da lächelte er schwermütig und sagte, sich entschuldigend: "Ich brauch das halt." Dann wandte er sich ab und ging in eine andere Richtung. Ich habe danach nie mehr mit ihm gesprochen.

Er verschwand für ein, zwei Jahre aus meinem Gesichtskreis. Dann war er wieder da und ich hörte, er sei in Westdeutschland gewesen. Es hatte weder privat noch beruflich geklappt. Nun versuchte er es erneut in Berlin. Er ließ sich auf riskante Praktiken ein, ich nenne sie hier mal die FF-Praktiken. Dabei gab es einen Zwischenfall, er wäre beinahe verblutet. Er kam durch, wurde lange behandelt und sorgte überall durch sein bloßes Erscheinen für Gesprächsstoff. Es war ihm sichtlich unangenehm. Er bekam viel Taktloses zu hören.

Ich zog fort aus der Stadt. Im selben Jahr las ich, dass er sich umgebracht hatte. Sonntagsspaziergänger hatten ihn gefunden. Er hatte sich gerade am Ort unserer früheren Begegnung an einem Baum aufgeknüpft. Ich las es in einem Nachruf. Der Verfasser stellte dort Vermutungen über ihn an. Er sei wohl unter seiner gefassten männlich-kameradschaftlichen Oberfläche ein anderer gewesen: verletzlich, einsam und enttäuscht.

Seitdem ist kaum ein Monat vergangen, in dem ich nicht an ihn gedacht hätte. Die meisten Selbstmörder ziehen sich zum Sterben zurück. Sie wenden sich von uns ab, endgültig. Er dagegen hatte es öffentlich vollzogen, ein Schrecken für harmlose Spaziergänger, ein Vorwurf an die, die ihn gekannt hatten. Sein Tod ein Skandal. Oder wollte er insgeheim, dann man ihn rechtzeitig fände und zum Leben wiedererwecke? In diesem Fall wäre ihm auch das misslungen.




raimund-fellner - 20.03.2012 um 08:45 Uhr

Ein Freitod oder Selbstmord gesehen aus einer sehr äußeren Perspektive. Der Ich-Erzähler weiß kaum etwas über den Protagonisten. Das, was er weiß, teilt er dem Leser nicht mit und verhüllt es, wie zum Bespiel die F-Frage eingangs. Schade, dass der Leser nicht mehr erfährt. Es lässt sich alles nur erahnen, aber "nix gwiß weiß ma".
Ich selbst habe mit 23 Jahren einen Selbstmordversuch gemacht und darüber ein Kapitel in meinem im Werden begriffenen Roman "Lange Haare" geschrieben. Vielleicht setze ich es ins Forum. Denn dort erfährt man die Innenperspektive und weitaus mehr über den Protagonisten. Vielleicht interessiert dieses.




ArnoAbendschoen - 20.03.2012 um 10:20 Uhr

Immerhin hast du den Kern der Sache erfasst, Raimund: das nachträglich und von außen nicht Nachvollziehbare am Selbstmord von Menschen, denen wir nicht nahe gekommen sind. Eben darum ging es ja. Es gab für mich noch einige weitere Fälle dieser Art, u.a. eine Kollegin.

Ganz allgemein: Ich schätze keine Texte, die dem Leser alles breit und überdeutlich erklären und ihm ein enges Interpretationskorsett gleich mitliefern (wie bei dir à la "lange Haare - kurze Haare").

Arno Abendschön




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