Das Universalgenie scheint ebenso wie sein Türmer Lynkeus am Ende des Faust II „zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt“ schreibt Jürgen Teller im Nachwort der vorliegenden Ausgabe von Goethes Farbenlehre. Während seiner italienischen Reisen sei Goethe die Problematik des Farbenwesens wohl zum ersten Mal aufgegangen, wahrscheinlich in Venedig, nämlich als Rätsel des Kolorits, so Teller. „Es ist offenbar, dass sich das Auge nach den Gegenständen bildet, die es von Jugend an erblickt, und so muss der venezianische Maler alles klarer und heiterer sehn als andere Menschen.“, schreibt Goethe am 8. Oktober 1786 beim Betrachten eines Gemäldes von Paolo Veronese in der weltberühmten Accademia. Der Mensch wird also quasi am und durch das Auge gebildet, so Goethe.
„(…) und ich sprach wie durch einen Instinkt sogleich vor mich laut aus, dass die Newtonische (sic) Lehre falsch sei“, weiß Goethe plötzlich beim Betrachten einer weißen (sic!) Wand, denn um Farben hervorzubringen „bedürfte es einer Grenze“. In seinen „Beiträgen zur Optik“ suchte Goethe Zustimmung, die er - außer bei Schiller - allerdings nirgendwo fand. Dennoch, wie schreibt Jürgen Teller so schön: „Die Teilnahme an Goethes Exkursion durch die Farbenwelt wird sicher zum Abenteuer, indem man bald feststellt, dass dieses Spezialgebiet, das auf den ersten Blick Erscheinungen darbietet, die zu den selbstverständlicheren Gegebenheiten der Außenwelt gehören, in der Deutung ihres Entstehens und Zusammenspiels, ihrer gegenständlichen Wirklichkeit und tieferen Gesetzlichkeit eine der bewegendsten Fragen der Naturerklärung überhaupt aufwirft.“
Goethe’s Text zur Farbenlehre zu der hier vorliegenden bibliophilen Ausgabe des Insel Verlages folgt der Ausgabe „Sämtliche Werke, Band 23/1“ von Manfred Wenzel. Gegenüber dem Erstdruck von 1810 wurde der Text orthographisch modernisiert. Die Abbildungen zeigen die Originaltafeln, die Goethe selbst vorbereitet und reingezeichnet haben soll.
Johann Wolfgang Goethe
Die Tafeln zur Farbenlehre und deren Erklärungen
Erschienen: 11.03.2013
Insel Bücherei 1378, Gebunden, 95 Seiten
ISBN: 978-3-458-19378-4
[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2013-06-24)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.